Neues Auswahlverfahren startet mit verhaltenem Rücklauf
Seit Beginn des Jahres ist in Deutschland die reformierte Wehrdienstregelung in Kraft. Kernstück des neuen Modells ist ein verpflichtender Fragebogen für junge Männer im Alter von 18 Jahren, mit dem ihre Eignung und grundsätzliche Bereitschaft für einen Dienst in der Bundeswehr erfasst werden soll. Erste Zwischenstände zeigen jedoch, dass die Beteiligung bislang deutlich hinter den Erwartungen zurückbleibt.
Nach Angaben aus Koalitionskreisen haben bislang nur rund 50 Prozent der angeschriebenen jungen Männer den Fragebogen ausgefüllt und zurückgesendet. Noch niedriger ist die Resonanz bei jungen Frauen: Obwohl sie zur Teilnahme nicht verpflichtet sind, liegt ihre Rücklaufquote lediglich bei etwa 6 Prozent.
Der betroffene Geburtsjahrgang 2008 umfasst insgesamt rund 700.000 Frauen und Männer. Seit Jahresbeginn erhalten sie ein Schreiben mit einem QR-Code, der zum digitalen Fragebogen führt. Wer sich grundsätzlich geeignet zeigt und Bereitschaft signalisiert, kann anschließend zu einer Musterung eingeladen werden.
Bundeswehr setzt zunächst auf Freiwilligkeit
Trotz der neuen Erhebung bleibt der Wehrdienst vorerst freiwillig. Eine allgemeine Musterung aller jungen Männer ist erst ab 2027 vorgesehen. Die aktuelle Datenerfassung dient dazu, frühzeitig ein Bild über potenzielle Rekrutinnen und Rekruten zu gewinnen und den Personalbedarf besser planen zu können.
Eine Sprecherin des Bundesverteidigungsministeriums erklärte, die Anschreiben würden erst seit wenigen Wochen schrittweise versendet. Ab Zustellung haben die Empfänger einen Monat Zeit, um den Fragebogen zu beantworten. Wörtlich sagte sie: „Die ersten Erhebungen können noch keine repräsentativen Ergebnisse oder Prognosen liefern.“ Belastbare Aussagen seien erst im Laufe des Jahres zu erwarten.
Bislang wurden nach Angaben des Ministeriums mehr als 77.000 Anschreiben verschickt. Wie viele der Befragten sich konkret einen Dienst in der Bundeswehr vorstellen können, lässt sich aus den bisherigen Zahlen nicht ableiten.
Große Personalziele bis 2035
Mit der Reform verfolgt die Bundesregierung ein ehrgeiziges Ziel. Die Zahl der aktiven Soldatinnen und Soldaten soll bis 2035 deutlich steigen. Derzeit dienen rund 184.000 Menschen in der Bundeswehr. Künftig soll der Bestand auf 255.000 bis 270.000 anwachsen.
Das Gesetz zum freiwilligen Wehrdienst legt für jedes Jahr bis 2035 einen Zielkorridor fest. Offen bleibt jedoch, zu welchen Zeitpunkten überprüft wird, ob diese Zwischenziele erreicht werden. Für den Fall, dass die freiwillige Rekrutierung nicht ausreicht, sieht das Gesetz die Möglichkeit einer Bedarfswehrpflicht vor. Diese würde aktiviert, um entstehende Personallücken zu schließen.
Politische Debatte über zukünftige Ausrichtung
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hatte sich zuletzt optimistisch geäußert, dass Deutschland auch langfristig ohne eine allgemeine Wehrpflicht auskommen könne. Er setzt weiterhin auf Attraktivitätssteigerungen, bessere Ausbildungsmöglichkeiten und moderne Arbeitsbedingungen, um junge Menschen für den Dienst zu gewinnen.
Diese Einschätzung wird jedoch nicht von allen geteilt. Zahlreiche Verteidigungsexperten sowie Politikerinnen und Politiker aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion äußern Zweifel, dass die ambitionierten Personalziele allein über Freiwilligkeit erreichbar sind. Angesichts wachsender sicherheitspolitischer Anforderungen sehen sie die Rückkehr zu verbindlicheren Modellen als mögliches Szenario.
Fragebogen als Gradmesser für Akzeptanz
Der verpflichtende Fragebogen gilt als erster Test dafür, wie groß das grundsätzliche Interesse an einem Wehrdienst in der jungen Generation ist. Die bislang verhaltene Beteiligung deutet darauf hin, dass das Instrument allein noch keine verlässliche Grundlage für langfristige Personalplanung liefert.
Gleichzeitig betont das Verteidigungsministerium, dass der Prozess erst am Anfang steht. Mit dem fortlaufenden Versand weiterer Anschreiben und steigender Bekanntheit der Reform könnte sich die Beteiligung noch erhöhen.
Klar ist jedoch bereits jetzt: Ob Deutschland seine geplanten Truppenstärken erreicht, wird maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, genügend junge Menschen für einen freiwilligen Dienst zu gewinnen oder ob künftig doch stärkere verpflichtende Elemente notwendig werden.