Eskalation nach Ankündigung einer günstigeren Nachahmung
Der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk verschärft seinen Kurs gegen Anbieter von Nachahmer-Produkten rund um das Abnehm-Medikament Wegovy. Auslöser ist die Ankündigung der US-Telemedizin- und Gesundheitsplattform Hims & Hers Health, eine Pille mit dem gleichen Wirkstoff Semaglutid als Nachbildung auf den Markt zu bringen. Das Unternehmen sprach in diesem Zusammenhang von einem sofortigen Start und bewarb einen besonders niedrigen Einstiegspreis.
Novo Nordisk reagierte mit der Ankündigung, den Konflikt nicht nur öffentlich auszutragen, sondern auch juristisch und gegenüber Behörden vorzugehen. Der Konzern sieht nach eigenen Angaben mehrere Schutzgüter betroffen: die Sicherheit von Patienten, das eigene geistige Eigentum und die Funktionsfähigkeit des US-Zulassungs- und Kontrollrahmens für Arzneimittel.
In seiner Mitteilung erhebt Novo Nordisk dabei schwere Vorwürfe gegen die Vorgehensweise des US-Anbieters. Wörtlich erklärte der Konzern: „Hims & Hers verwende eine illegale Massen-Rezeptur, die ein erhebliches Risiko für die Patientensicherheit darstelle.“ Gleichzeitig kündigte Novo Nordisk weitere Schritte an und betonte: „Novo Nordisk werde rechtliche und regulatorische Schritte einleiten, um Patienten, sein geistiges Eigentum und die Integrität des US-Zulassungsrahmens für Arzneimittel zu schützen.“


Preisoffensive mit Semaglutid setzt den Markt unter Spannung
Die Offensive von Hims & Hers Health zielt sichtbar auf den Preishebel. Nach Angaben des US-Unternehmens sollen die Nachahmungen der Wegovy-Pille „ab sofort“ erhältlich sein. Als Einführungspreis wurden 49 US-Dollar pro Monat genannt. Das ist ein Signal in einem Markt, in dem Originalprodukte typischerweise deutlich höher bepreist sind und gerade bei stark nachgefragten Abnehmmedikamenten oft über Versicherungsstatus und Verfügbarkeit diskutiert wird.
Der Schritt ist zugleich eine strategische Positionierung: Hims & Hers versucht, sich als niedrigschwelliger Anbieter zu präsentieren, der über Telemedizin rasch Zugang zu medikamentösen Angeboten schafft. Für Novo Nordisk bedeutet das nicht nur einen möglichen Druck auf Margen und Marktstellung, sondern auch eine Herausforderung bei der Kontrolle darüber, unter welchen Bedingungen der Wirkstoff im Markt angeboten wird.
Dass es sich bei der angekündigten Pille um ein Produkt mit dem Wirkstoff Semaglutid handeln soll, ist dabei zentral. Wegovy basiert ebenfalls auf Semaglutid – die Nennung identischer Wirkstoffgrundlagen verstärkt aus Sicht des Originalherstellers die Abgrenzungs- und Schutzfragen. Novo Nordisk stellt sich daher nicht lediglich gegen „billige Konkurrenz“, sondern argumentiert ausdrücklich über die Dimension Patientensicherheit und über den Charakter der Herstellung als „Massen-Rezeptur“.
Novo Nordisk argumentiert mit Patientensicherheit und Regulierung
Novo Nordisk legt den Schwerpunkt seiner Kritik auf die Produktions- und Abgabeform. Nach Konzernangaben geht es nicht um Einzelfälle, sondern um ein Vorgehen, das als großflächige, nicht zulässige Herstellung bewertet werde. Der Begriff der „illegalen Massen-Rezeptur“ deutet auf eine Abgrenzung zwischen individuell hergestellten Rezepturen und einer industriell skalierten, standardisierten Produktion hin, die nach Auffassung des Konzerns nicht gedeckt sei.
Mit der Ankündigung „rechtlicher und regulatorischer Schritte“ macht Novo Nordisk deutlich, dass der Konflikt mehrere Ebenen umfasst: zum einen zivil- oder wettbewerbsrechtliche Fragen, zum anderen mögliche Eingaben an zuständige Stellen im US-Gesundheits- und Zulassungssystem. Der Konzern formuliert als Ziel, nicht nur die eigene Marktposition zu verteidigen, sondern auch die „Integrität des US-Zulassungsrahmens für Arzneimittel“ zu schützen.
Bemerkenswert ist dabei die Doppelargumentation: Einerseits geht es um Patienten und Sicherheit, andererseits um geistiges Eigentum. Damit stellt Novo Nordisk den Fall nicht als gewöhnliche Preisschlacht dar, sondern als grundsätzliche Auseinandersetzung darüber, wer Arzneimittel mit starkem Markteinfluss unter welchen Bedingungen anbieten darf. In der öffentlichen Darstellung bleibt Novo Nordisk allerdings bei der Grundlinie und nennt keine konkreten Details zu Zeitpunkt, Gerichtsstand oder Behörde – sondern verweist auf den bevorstehenden Start der Maßnahmen.
Börse reagiert deutlich auf den Konflikt um Wegovy-Nachahmungen
Die Auseinandersetzung schlug unmittelbar auf die Kurse durch. In Kopenhagen geriet die Aktie von Novo Nordisk stark unter Druck: Die Papiere verloren rund 10 Prozent. Auch an der US-Börse zeigten sich vor Handelsbeginn deutliche Abschläge: Die in den USA notierten Novo-Nordisk-Titel lagen vorbörslich bei minus 6,5 Prozent.
Gegensätzlich fiel die Reaktion bei Hims & Hers Health aus. Der Markt bewertete die Ankündigung der günstigeren Wegovy-Nachahmungen zunächst als Wachstumssignal. Die Aktie des US-Unternehmens gewann vorbörslich rund 13 Prozent. Damit spiegeln die Kursbewegungen eine klassische Konfliktlage: Auf der einen Seite sorgt die Aussicht auf preisgetriebene Konkurrenz und regulatorische Auseinandersetzungen für Unsicherheit beim etablierten Hersteller; auf der anderen Seite wird die Expansion in ein stark nachgefragtes Segment kurzfristig als Chance interpretiert.Ob die Kursbewegungen nachhaltig sind, dürfte wesentlich davon abhängen, wie schnell und wie wirksam die angekündigten Schritte von Novo Nordisk greifen – und ob Hims & Hers sein Angebot in der angekündigten Form tatsächlich aufrechterhalten kann. Klar ist: Mit einem wesentlichgünstigeren Einstiegspreispro Monat, dem Verweis auf Semaglutid und der angekündigten Gegenwehr von Novo Nordisk hat sich eine Auseinandersetzung entzündet, die über einen einzelnen Produktstart hinaus Signalwirkung für den Markt haben kann.