Der Iran-Krieg verschärft die nächste große Wirtschaftskrise
Die weltweite Energiekrise gewinnt spürbar an Schärfe. Solange die Straße von Hormus blockiert bleibt und zugleich immer mehr Förderanlagen beschädigt werden, verschärft sich die Lage beinahe täglich. Dabei geht es längst nicht mehr nur um teureres Öl. Auch die globale Produktion von Flüssiggas ist bereits um 20 Prozent eingebrochen. Die Folgen reichen tief in Industrie und Alltag hinein: Düngemittel werden teurer, wichtige Rohstoffe wie Helium und Schwefel knapper, Lieferketten instabiler und die gesamte Wirtschaft anfälliger.
Für Deutschland ist das besonders gefährlich. Denn die Bundesrepublik bleibt stark von Öl- und Gasimporten abhängig. Schon jetzt sind die Folgen sichtbar: Das Wirtschaftswachstum hat sich halbiert, die Inflation deutlich beschleunigt. Das sind keine abstrakten Frühindikatoren mehr, sondern klare Warnzeichen. Die eigentliche Frage lautet daher nicht mehr, ob die Krise ernst ist, sondern ob die Politik ihren Umfang überhaupt schon ausreichend verstanden hat.
Öl und Gas könnten nicht nur teurer, sondern knapp werden
Bisher konzentriert sich die politische Debatte vor allem auf Preisentlastungen. Die Bundesregierung hat Unternehmen aufgefordert, ihren Beschäftigten Sonderzahlungen zu gewähren. Außerdem gilt ab 1. Mai für zwei Monate ein Tankrabatt, der die Spritpreise wieder unter die symbolisch wichtige Marke von zwei Euro drücken soll.
Doch genau hier setzt die Kritik vieler Experten an. Denn billigere Preise helfen kurzfristig an der Zapfsäule, verschärfen aber womöglich das eigentliche Problem. Wenn Energie künstlich verbilligt wird, steigt die Nachfrage, obwohl das Angebot zugleich knapper wird. Das kann die Krise sogar weiter anheizen. Aus Sicht vieler Ökonomen ist das deshalb das falsche Signal.
Erste Experten sprechen offen über Rationierung
Besonders brisant ist, dass Fachleute inzwischen sogar das Wort Rationierung in den Mund nehmen. Der Energie- und Klimapolitik-Professor Jan Rosenow von der Universität Oxford sagt: „Es kann durchaus dazu kommen, je nach weiterer Entwicklung, dass auch über Rationierung nachgedacht werden muss.“ Er hält kurzfristige Einsparungen von 10 bis 15 Prozent für möglich, vor allem durch Verhaltensänderungen.
Was das praktisch bedeuten könnte, ist alles andere als harmlos:
- Tempolimit auf Autobahnen
- eingeschränkte Nutzung von Heizungen
- eingeschränkte Nutzung von Klimaanlagen
- Vorgaben für den Handel, etwa geschlossene Ladentüren
- allgemeine Maßnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs
Damit würde aus einer Preisdebatte sehr schnell eine Freiheitseinschränkung im Alltag. Nicht nur das Tanken oder Heizen würde teurer, sondern der Staat könnte beginnen, Verbrauch direkt zu steuern oder zu begrenzen.
Viele unterschätzen die Härte der Lage noch immer
Rosenow warnt ausdrücklich davor, dass das Ausmaß der Krise in der Öffentlichkeit noch gar nicht angekommen sei. Wörtlich sagt er: „Ich habe den Eindruck, dass in der Öffentlichkeit noch nicht wirklich angekommen ist, wie gravierend diese Krise ist.“ Und weiter: „Wir unterschätzen das noch.“
Gerade diese Wahrnehmungslücke macht die Situation gefährlich. Während beim russischen Angriff auf die Ukraine der Energieschock sofort sichtbar war, sickert die aktuelle Krise langsamer in den Alltag. Doch langsamer bedeutet nicht harmloser. Der Ökonom Steffen Bukold spricht bereits von der dritten Energiekrise in wenigen Jahren, nach Corona und dem Ukraine-Krieg. Seine Diagnose ist klar: Die Menschen seien krisenmüde. Genau diese Müdigkeit könne aber notwendige Reaktionen verzögern.
In Asien wird bereits härter reagiert als in Europa
Während in Deutschland noch stark über Preisentlastungen diskutiert wird, haben andere Regionen bereits deutlich härter reagiert. Laut dem jüngsten Ölbericht der Internationalen Energieagentur gab es die stärksten Rückgänge beim Ölverbrauch zunächst im Nahen Osten und im asiatisch-pazifischen Raum. Dort senkten petrochemische Produzenten ihre Auslastung, Haushalte schränkten sich ein, und Flüge fielen aus.
Die wichtigsten Entwicklungen dort:
- sinkender Ölverbrauch
- geringere Industrieauslastung
- spürbare Einschränkungen in Haushalten
- Flugausfälle
- staatliche Maßnahmen zur Nachfragereduzierung
Deutschland wirkt im Vergleich dazu erstaunlich zögerlich. Hier wird stärker an Preisen geschraubt als an strukturellen Einsparungen.
Flugverkehr könnte als Erstes massiv leiden
Gerade im Luftverkehr ist die Nervosität bereits deutlich spürbar. Eddie Wilson, Geschäftsführer von Ryanair, machte Ende April in Berlin unmissverständlich klar, wie ernst die Lage ist. Zwar habe Ryanair nach eigenen Angaben 80 Prozent seines benötigten Flugbenzins gehedgt, sich also kurzfristig gegen Preissprünge abgesichert. Doch auch das sei kein dauerhafter Schutz.
Wilson formulierte es drastisch: „Natürlich hat es Folgen, wenn 20 Prozent des weltweiten Treibstoffs vom Markt abgeschnitten sind.“ Und weiter: „Und wenn der Krieg im Nahen Osten für immer anhält, dann wird auch Hedging einen nicht retten. Aber dann werden auch generell deutlich weniger Flugzeuge unterwegs sein.“
Das ist ein bemerkenswert offener Hinweis. Er bedeutet im Klartext: Wenn die Krise anhält, drohen nicht nur höhere Ticketpreise, sondern real weniger Flüge.
Die deutsche Energiepolitik rächt sich jetzt doppelt
Besonders unangenehm wird die Lage für die Bundesregierung, weil ihre jüngere Energiepolitik eher wieder stärker auf fossile Energien setzte. Wärmepumpen sollten keine Priorität mehr haben, Elektroautos wurden nur halbherzig gefördert. Genau das könnte sich nun als strategischer Fehler erweisen.
Denn eine stärkere Elektrifizierung von Verkehr und Wärme könnte die Abhängigkeit von Öl und Gas langfristig senken. Der Analyst Chris Rosslowe vom Energieinstitut Ember nennt den jüngsten Preisschock eine „schmerzhafte Erinnerung“ daran, dass Europas Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen eine strategische Schwachstelle sei.
Auch Steffen Bukold sieht den Ausweg klar in einer konsequenten Abkehr von Öl und Gas. Sein Satz ist eindeutig: „Wir müssen einfach weg von Öl und Gas.“
Der eigentliche Hebel liegt bei Strom und Elektrifizierung
Oxford-Professor Rosenow hält es jedoch für falsch, nur einzelne Technologien direkt zu subventionieren. Aus seiner Sicht wäre es sinnvoller, den Strom günstiger zu machen, mit dem Wärmepumpen und E-Autos betrieben werden. Denn am Ende seien vor allem die laufenden Kosten entscheidend, nicht einmalige Förderungen.
Sein Vorschlag läuft auf eine strategische Neuordnung hinaus:
- Strompreise senken
- laufende Kosten elektrischer Technologien attraktiver machen
- Elektrifizierung über Steuern und Preisstrukturen gezielt fördern
- weniger kurzfristige Entlastungen bei Öl und Gas
- mehr mittelfristige Unabhängigkeit von Importen
Genau darin liegt womöglich der entscheidende Punkt. Die Technologien sind vorhanden. Die Kosten gelten als beherrschbar. Was fehlt, ist der politische Wille, die Anreize konsequent zu verschieben.
Deutschland könnte sonst tiefer in eine Versorgungskrise rutschen
Die Lage ist deshalb deutlich ernster, als viele es bislang wahrhaben wollen. 20 Prozent weniger Flüssiggasproduktion, steigender Druck auf Öl, teurere Düngemittel, knappere Rohstoffe, schwächeres Wachstum, höhere Inflation und die reale Debatte über Rationierung. Das ist keine gewöhnliche Marktstörung, sondern eine potenzielle Versorgungskrise mit tiefen wirtschaftlichen Folgen.
Wenn die Blockade anhält und die Bundesregierung weiter vor allem an Symptomen statt an der strukturellen Abhängigkeit arbeitet, könnte Deutschland schon bald vor einer Lage stehen, in der Energie nicht nur teuer, sondern tatsächlich knapp wird. Und dann ginge es nicht mehr nur um Preise, sondern um Verfügbarkeit, Einschränkungen und spürbare Eingriffe in den Alltag.