107 Minuten Selbstinszenierung im Kapitol
Es war ein historischer Abend im Repräsentantenhaus: 1 Stunde und 47 Minuten sprach US-Präsident Donald Trump zur Lage der Nation – länger als jeder amtierende Präsident vor ihm. Die Atmosphäre im Kapitol war angespannt. In der ersten Reihe saßen die Richterinnen und Richter des Supreme Court regungslos, darunter auch Amy Coney Barrett, die Trump einst selbst nominiert hatte.
Die obersten Verfassungshüter hatten ihm wenige Wochen zuvor eine empfindliche Niederlage zugefügt, indem sie seine Notstands-Zollpolitik für verfassungswidrig erklärten. Dennoch ließ sich der Präsident davon an diesem Abend nichts anmerken. Statt Selbstkritik präsentierte er sich als Erfolgsgarant.
Gleich zu Beginn setzte Trump den Tonfall: „Unsere Nation ist zurück: größer, besser, reicher und stärker als je zuvor.“ Auf republikanischer Seite brandete Applaus auf, begleitet von „USA“-Rufen. Die demokratischen Abgeordneten blieben mehrheitlich sitzen oder reagierten mit Zwischenrufen.
Proteste und Zwischenrufe
Der erste Zwischenfall ereignete sich früh in der Rede. Der demokratische Abgeordnete Al Green hielt ein Schild mit der Aufschrift: „Schwarze Menschen sind keine Affen“. Sicherheitspersonal führte ihn umgehend aus dem Saal. Green bezog sich auf ein rassistisches Video, das Trump auf seiner Plattform verbreitet hatte und in dem Barack Obama und Michelle Obama diffamiert wurden.
Im Anschluss erklärte Green: „Man darf ihm das nicht durchgehen lassen.“ Trump sei ein Rassist, sagte er und sprach von einem „typischen Muster“ der Regierung.
Auch andere Abgeordnete wie Ilhan Omar und Rashida Tlaib lieferten sich Wortgefechte mit dem Präsidenten. Omar rief: „Sie sollten sich schämen!“ und forderte die Freigabe aller Akten zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Tlaib warf der Regierung vor, für den Tod von Demonstranten verantwortlich zu sein.
Die Szenen unterstrichen die tiefe politische Spaltung des Landes wenige Monate vor den wichtigen Midterm-Wahlen im November 2026.
Emotionale Gäste auf der Tribüne
Trump verstand es, die Dramaturgie des Abends gezielt zu steuern. Immer wieder unterbrach er seine Rede, um Gäste auf der Besuchertribüne vorzustellen.
So würdigte er die Mutter eines bei einem Unfall verstorbenen fünfjährigen Mädchens. „Ihr Mörder war ein illegaler Einwanderer“, sagte Trump und fügte hinzu: „Wir schieben kriminelle illegale Einwanderer in Rekordzahlen ab – und wir werden sie verdammt noch mal schnell los.“
Auch die Eltern zweier bei einem Anschlag verwundeter Nationalgardisten waren anwesend. Ein überlebender Soldat erhielt vom Präsidenten das Purple Heart, die höchste militärische Auszeichnung für Verwundete oder Gefallene. Den Täter bezeichnete Trump als „Monster“.
Später stellte er Erika Kirk, die Witwe des ermordeten Aktivisten Charlie Kirk, vor. Ihr Mann sei „für seinen Glauben zum Märtyrer geworden“. In diesem Moment applaudierten auch zahlreiche Demokraten.
Wirtschaft als zentrales Thema
Den Schwerpunkt seiner Rede legte Trump auf die Wirtschaft. Trotz sinkender Umfragewerte in diesem Bereich zeichnete er ein Bild umfassenden Aufschwungs. „Noch nie in der Geschichte unseres Landes waren mehr Amerikaner in Arbeit als heute“, erklärte er. Zudem seien „2,4 Millionen Amerikaner“ von Lebensmittelmarken weggekommen.
Er verwies auf einen Dow Jones jenseits der Marke von 50.000 Punkten und sprach von „Hunderten Milliarden Dollar“ an Zolleinnahmen. „Die Zölle retten unser Land“, betonte er. Eines Tages, so Trump, würden diese Einnahmen sogar die Einkommenssteuer ersetzen.
Zur Inflation sagte er: „Ihre Politik hat die Preise in die Höhe getrieben; unsere Politik beendet das jetzt rasend schnell.“ Dabei ließ er unerwähnt, dass zahlreiche Verbraucherpreise – darunter für Kaffee, Fleisch und Bananen – weiterhin auf hohem Niveau liegen.
Versprechen eines ausgeglichenen Haushalts
Trump kündigte zudem einen „Krieg gegen Betrug“ an. Sein Vizepräsident JD Vance soll diese Initiative anführen. „Wenn wir genug von diesem Betrug aufdecken, dann haben wir über Nacht einen ausgeglichenen Haushalt“, versprach der Präsident.
Gleichzeitig forderte er ein Gesetz gegen Insiderhandel und kritisierte die Demokratin Nancy Pelosi scharf. Über eigene umstrittene Geschäfte, etwa mit Kryptowährungen wie dem „Trump Meme Coin“, verlor er hingegen kein Wort.
Symbolik und patriotische Gesten
Zum Ende seiner Rede stellte Trump noch das olympische Eishockey-Nationalteam vor. „Das goldene Männer-Olympiateam im Hockey, kommt herein!“, rief er. Die Mannschaft erhielt parteiübergreifenden Applaus. Dem Torwart kündigte Trump die Verleihung der Presidential Medal of Freedom an.
Außerdem ehrte er den Veteranen Buddy Taggart, der im Juli 2026 seinen 100. Geburtstag feiern wird – am selben Tag, an dem die USA den 250. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit begehen.
Dieser Termin dürfte politisch eine große Rolle spielen. Vier Monate später stehen die Zwischenwahlen an, bei denen Trump und seine Partei um die Kontrolle im Kongress kämpfen.