Ein Standort mit über zwei Jahrhunderten Industriegeschichte
Die Melitta-Gruppe beendet zum 31. März die Produktion in ihrer Papierfabrik im mecklenburgischen Neu Kaliß. Damit endet an diesem Standort eine Industriegeschichte, die bis ins Jahr 1799 zurückreicht. Seit 1871 wurde dort Papier maschinell hergestellt. Trotz Kriegen, Enteignung und politischer Umbrüche blieb das Werk über Generationen hinweg in Betrieb. Nun fällt endgültig der letzte Vorhang für eine der ältesten Papierproduktionsstätten Deutschlands.
Mehr als 100 Beschäftigte verlieren ihre Arbeit
Mit der Schließung verlieren 115 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz. Eine Insolvenz liegt nach Angaben des Unternehmens nicht vor. Die Entscheidung sei Teil einer strategischen Neuordnung, nicht Ausdruck einer wirtschaftlichen Schieflage des Gesamtkonzerns. Melitta wirtschaftet weiterhin profitabel und betreibt weltweit 59 Standorte auf fünf Kontinenten. Dennoch trifft der Schritt die Region hart, da Neu Kaliß stark von dem Werk geprägt war.
Was in Neu Kaliß produziert wurde
In der betroffenen Fabrik stellte Melitta vor allem Spezialpapiere her. Dazu gehörten Kaffeefilterpapiere, Tapetenvliese, Bierdeckel, Tassendeckchen, Krepppapiere für den Dentalbereich und Großbäckereien sowie sogenannte Verdunsterpapiere. Die Produkte waren Teil globaler Lieferketten und wurden an Kunden in vielen Ländern ausgeliefert.
Melitta bleibt global stark aufgestellt
Der Hauptsitz des Unternehmens befindet sich in Minden in Nordrhein-Westfalen. Melitta gilt als Weltmarktführer für Kaffeefilter. Die Produkte sind in 86 Ländern erhältlich. Neben Kaffeefiltern umfasst das Sortiment zahlreiche Haushaltsprodukte und Konsumgüter. Die Schließung eines einzelnen Werks ändert nichts an der internationalen Marktstellung des Konzerns, wirft jedoch ein Schlaglicht auf die Probleme des Industriestandorts Deutschland.
Kostenexplosion bei Rohstoffen belastet die Papierindustrie
Ein wesentlicher Faktor für die Entscheidung liegt in der Entwicklung der Rohstoffpreise. Zellstoff und Altpapier verteuerten sich seit der Corona Pandemie massiv. Nach Daten des Statistischen Bundesamts stieg der Preis für Zellstoff zwischen Januar und September 2021 um rund 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Noch drastischer fiel der Anstieg bei Altpapier aus. Die Großhandelspreise lagen zeitweise 222 Prozent über dem Vorjahresniveau. Auch wenn sich die Preise später teilweise beruhigten, blieb das Kostenniveau dauerhaft hoch.
Energiepreise als dauerhafte Belastung
Hinzu kamen deutlich gestiegene Energiekosten. Die Papierherstellung zählt zu den energieintensivsten Industriezweigen. Strom und Gas machten zuletzt einen erheblichen Teil der Produktionskosten aus. Gerade ältere Werke mit historischer Bausubstanz sind nur begrenzt modernisierbar. Dies verschlechterte die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Neu Kaliß zusätzlich.
EU Vorgaben erhöhen den bürokratischen Druck
Besonders belastend wirkten sich neue europäische Regelwerke aus. Die sogenannte Entwaldungsverordnung EUDR verpflichtet Papierhersteller seit 2025 zu detaillierten Nachweisen über die Herkunft des verwendeten Holzes. Ab Juni 2026 gelten diese Vorgaben auch für kleine und mittlere Unternehmen. Hersteller müssen exakte Geolokalisierungsdaten, Angaben zum Erntezeitpunkt und umfassende Lieferketteninformationen vorlegen. Der administrative Aufwand ist hoch und verursacht erhebliche Zusatzkosten.
Zusätzlich verschärfen weitere EU Regelungen die Situation, darunter die Lieferkettenrichtlinie CSDDD sowie die Verpackungsverordnung PPWR. In der Summe entsteht ein komplexes Regelwerk, das insbesondere traditionelle Industrieunternehmen stark belastet.
Nachfragerückgang durch Digitalisierung
Parallel dazu leidet die Papierbranche unter einem strukturellen Nachfragerückgang. Die fortschreitende Digitalisierung reduziert den Bedarf an klassischen Papierprodukten seit Jahren. Dieser Trend verstärkte den wirtschaftlichen Druck zusätzlich und ließ Spielräume für Investitionen schrumpfen.
Kein Einzelfall in der deutschen Papierindustrie
Die Schließung in Neu Kaliß ist kein isoliertes Ereignis. Bereits im Dezember meldete die traditionsreiche Papierfabrik Feldmühle aus Uetersen, gegründet 1904, Insolvenz an. Immer mehr Standorte geraten unter Druck, da steigende Kosten, sinkende Nachfrage und regulatorische Vorgaben zusammenwirken.
Ein Symbol für den Standort Deutschland
Der Rückzug von Melitta aus Neu Kaliß steht sinnbildlich für die Herausforderungen der deutschen Industrie. Selbst ein international erfolgreicher Konzern mit stabiler Ertragslage sieht sich gezwungen, traditionsreiche Standorte aufzugeben. Für viele Beobachter ist dies ein weiteres Signal, dass hohe Energiepreise, zunehmende Bürokratie und strukturelle Marktveränderungen den Produktionsstandort Deutschland zunehmend unattraktiv machen.